Was man an Gestik wirklich ablesen kann — und was nicht

Gestik ablesen — Dr. Jana Bressem erklärt Gestenforschung im Vortrag

Ich lege mich mal aus dem Fenster.

Die meisten Aussagen über Gestik ablesen, die Sie gehört haben, sind falsch. Nicht ungenau, nicht vereinfacht — falsch. Der Körper verrät die Lüge. An Gestik erkennt man, ob jemand nervös ist. Dominante Menschen gestikulieren mehr. Mit bestimmten Handbewegungen können Sie andere Menschen subtil beeinflussen. Pacing und Leading.

Ich sage das nicht, um zu provozieren. Ich sage es, weil ich seit mehr als zwanzig Jahren Gestenforschung betreibe und weil mich diese Aussagen, offen gestanden, langweilen. Nicht weil sie harmlos wären. Sondern weil sie von etwas viel Interessanterem ablenken.

Was man an Gestik wirklich ablesen kann, ist subtiler, präziser und für alle, die Menschen führen, unterrichten oder begleiten, erheblich nützlicher als die Frage, ob jemand gerade lügt.

Erst einmal zurück in die Wissenschaft

1992 veröffentlicht David McNeill, einer der Gründungsväter der modernen Gestenforschung, sein Buch Hand and Mind (University of Chicago Press). Seine These, die das Feld bis heute prägt: Gesten sind keine bloße Begleiterscheinung von Sprache. Sie sind ein eigenständiger Modus des Denkens — sichtbar gemachte Kognition. McNeill nennt sie ein „Fenster zum Geist“.

Das klingt nach einer akademischen Feinheit. Es ist aber eine grundlegende Umkehrung dessen, wie wir Gestik gewöhnlich verstehen. Gesten sind demnach kein Spiegel innerer emotionaler Zustände, kein unwillkürliches Verraten. Sie sind aktiver Teil des Sprachproduktionsprozesses, eng verzahnt mit Gedanken, Vorstellungen und der Art, wie wir Bedeutung aufbauen.

Was folgt daraus? Dass ich an Gestik nicht ablesen kann, ob jemand lügt oder nervös ist oder mich dominieren will. Was ich ablesen kann: wie jemand denkt. Wie sich jemand etwas vorstellt. Und was dieser Person gerade besonders wichtig ist.

Das ist der Unterschied, um den es in diesem Beitrag geht.

Wie Gestik im Unterricht konkret Aufmerksamkeit steuert, habe ich in einem eigenen Beitrag beschrieben: Gestik im Unterricht: Aufmerksamkeit steuern

Was man an Gestik ablesen kann: Vorstellung und mentale Repräsentation

Stellen Sie sich vor, ein Kind erzählt vom Ausflug in den Zoo. Es sagt: „Und dann sind wir ganz schnell gerannt“ und dabei fliegen die Arme nach hinten, die Schultern ziehen sich zusammen, der ganze Oberkörper wird zum Sprint. Das Kind erinnert sich nicht nur an das Rennen. Es erlebt es noch einmal, versetzt sich körperlich in den Moment zurück, erlebt ihn noch einmal im eigenen Körper. Die Geste zeigt: Das Kind ist in der Szene. Es ist die rennende Figur.

Die Gestenforschung hat für diesen Unterschied präzise Begriffe entwickelt: Character Viewpoint und Observer Viewpoint.

Bei einer Character-Viewpoint-Geste schlüpft die sprechende Person in die Rolle einer Figur im Geschehen: die Hände und der Körper führen aus, was die Figur tut, orientiert sich so, als wäre man selbst in der Szene. Bei einer Observer-Viewpoint-Geste bleibt die Person außen: Sie beschreibt, wie Objekte oder Figuren sich relativ zueinander verhalten, wie in einem Schaubild oder auf einer Karte, gesehen von oben.

Beide Perspektiven sind kommunikativ vollwertig, aber sie tun unterschiedliche Dinge. Und genau das ist es, was für alle relevant ist, die beruflich mit Menschen sprechen.

Im Unterricht: Miterleben oder analysieren?

Stellen Sie sich eine Lehrkraft vor, die eine Szene im Englischunterricht erklärt: eine Figur gibt einer anderen etwas. Wenn die Lehrkraft dabei den Arm ausstreckt, als würde sie selbst etwas überreichen, dann nutzt sie Character Viewpoint. Die Lernenden erleben die Handlung von innen — als körperlichen Akt, als Beziehung, als Moment.

Erklärt dieselbe Lehrkraft dieselbe Szene aus der Beobachterperspektive. Sie zeichnet eine Linie in die Luft, deutet an, dass etwas übergeben wurde, verlagert sich der Fokus. Das Geben wird schematisch, abstrakt. Es ist nicht mehr eine Handlung, die man nachfühlt, sondern ein Vorgang, den man betrachtet.

Beide Perspektiven sind im Unterricht sinnvoll, aber nicht beliebig austauschbar. Character Viewpoint eignet sich, wenn eine Handlung eingeleibt werden soll: beim Vormachen, beim Erzählen, beim Erklären von Prozessen, die man nachvollziehen soll. Observer Viewpoint eignet sich, wenn ein Sachverhalt übersichtlich und distanziert dargestellt werden soll — Raumrelationen, Strukturen, Beobachtungsaufgaben.

Heißt konkret: Eine Lehrkraft kann mit der Gestenperspektive steuern, ob Schülerinnen und Schüler eher miterleben oder eher analysieren sollen. Das ist kein stilistisches Detail. Es ist ein didaktisches Werkzeug und ein unbewusstes Wechseln zwischen beiden Perspektiven kann erklären, warum Lernende manchmal nicht ganz folgen können, obwohl die Erklärung sachlich stimmt.

In der Führung: Nähe oder Überblick?

In Führungssituationen verändert die Gestenperspektive, wie eine Botschaft wirkt — unabhängig von dem, was verbal gesagt wird.

„Wir gehen diesen Weg gemeinsam“ — gesagt mit einer Character-Viewpoint-Geste, die ein Mitgehen körperlich andeutet, wirkt anders als dieselbe Aussage mit einer Observer-Viewpoint-Geste, die eine Route von außen beschreibt. Im ersten Fall signalisiert der Körper: Ich bin dabei, ich gehe mit. Im zweiten: Ich sehe das Ganze, ich überblicke es.

Das sind keine Widersprüche, aber sie kommunizieren unterschiedliche Rollen. Character Viewpoint markiert Nähe, Empathie und gemeinsames Handeln. Observer Viewpoint markiert Distanz, Überblick und — in bestimmten Kontexten — Beurteilung.

Das wird besonders relevant in Feedbackgesprächen und Konfliktsituationen. Wenn eine Führungskraft eine schwierige Situation schildert und dabei körperlich in die Innenperspektive der betroffenen Person wechselt — Character Viewpoint — dann macht sie Empathie sichtbar, nicht nur verbal behauptbar. Observer Viewpoint in derselben Situation wirkt analytischer, manchmal auch kühler. Beides kann angemessen sein. Aber es sollte eine Entscheidung sein, keine Gewohnheit.

Kurz gesagt: Character Viewpoint verbindet, Observer Viewpoint ordnet. In Unterricht und Führung ist diese Unterscheidung deshalb wichtig, weil sie nicht nur Verständlichkeit, sondern auch Beziehung und Perspektive mitkommuniziert.

„Character Viewpoint verbindet, Observer Viewpoint ordnet.“

Was man tatsächlich ablesen kann: Abstrakte Konzepte im Raum

Gesten können nicht nur konkrete Ereignisse darstellen: sie verräumlichen auch abstrakte Konzepte. Und das ist eine der folgenreichsten Beobachtungen der Gestenforschung, weil es erklärt, was passiert, wenn jemand über etwas spricht, das man nicht sehen oder anfassen kann.

Zeit etwa wird in westlichen Sprachen, z.B. im Deutschen oder Englischen, häufig als horizontale Linie organisiert: Vergangenheit links, Zukunft rechts. Wenn jemand über Entwicklungsprozesse spricht und dabei die Hand von links nach rechts durch den Raum führt, zeigt er, wie er Zeit im Kopf verortet: als gerichteten Verlauf, als Pfad, als etwas Lineares. Diese metaphorischen Gesten — ein Begriff aus der Gestenforschung — machen sichtbar, welches Bild jemand von einem Konzept hat, das sprachlich allein schwer zu greifen ist.

„Spannung“ zwischen zwei Positionen — die Hände markieren zwei Pole im Raum, der Abstand zwischen ihnen wird spürbar. „Zwei Seiten einer Medaille“ — eine Handbewegung zeigt etwas Umwendbares, Doppelseitiges, ohne dass ein Wort dafür fällt. „Wir ziehen an einem Strang“ — eine gemeinsame Zugbewegung in dieselbe Richtung, die Richtung und Zusammenhalt gleichzeitig setzt. In all diesen Momenten leistet die Geste etwas, das Sprache allein nicht leistet: Sie macht das Abstrakte körperlich erfahrbar.

Im Unterricht: Abstraktes sichtbar machen

Für Lehrkräfte ist das besonders relevant, wenn Begriffe nicht direkt zeigbar sind, wenn „Gleichheit“, „Zusammenhang“ oder „Widerspruch“ erklärt werden müssen, ohne dass man auf etwas Konkretes zeigen kann. Metaphorische Gesten überbrücken genau diese Lücke: Sie modellieren den Begriff räumlich und geben Lernenden eine visuelle Struktur, an der sie sich orientieren können.

Das entlastet kognitiv. Wer einen abstrakten Inhalt nicht nur hört, sondern auch sieht — als räumliche Relation, als Bewegung, als Richtung — verarbeitet ihn auf zwei Kanälen gleichzeitig. Die Forschung zeigt, dass das Verstehen erleichtert und Erinnern stützt. Nicht weil Gesten dekorativ sind, sondern weil sie Bedeutung mitstrukturieren.

Konkret: Eine Lehrkraft, die beim Satz „Hier haben wir zwei Perspektiven“ die Hände an zwei verschiedenen Orten im Raum positioniert, gibt dem Begriff „Perspektive“ einen Ort. Wenn sie später auf diese Stellen zurückgreift — auch ohne das Wort zu wiederholen — aktiviert sie dasselbe mentale Bild. Die Geste wird zum Anker.

In der Führung: Orientierung und gemeinsame Deutung

In Führungssituationen sind metaphorische Gesten besonders dann wirksam, wenn es darum geht, Visionen, Strategien oder Beziehungen vermittelbar zu machen. Also genau dann, wenn das Gesagte abstrakt bleibt, wenn man es nicht an etwas Konkretem festmachen kann.

„Wir bauen eine Brücke zwischen den Abteilungen“ — mit einer verbindenden Bewegung zwischen zwei Punkten im Raum — ist nicht nur Metapher. Es ist ein körperliches Angebot: So stelle ich mir das vor, so verorten wir uns zueinander. Wer diese Geste macht und wer sie aufnimmt, wessen Hände anfangen, in dieselbe Richtung zu zeigen, der beginnt, dasselbe Bild zu teilen. Das ist keine Manipulation. Es ist gemeinsame Bedeutungskonstruktion.

In einem Meeting, in dem über Strategie diskutiert wird, können metaphorische Gesten deshalb zeigen, ob jemand ein Problem als Prozess denkt — Handbewegung entlang einer Achse — oder als Zustand, den man hält oder bewacht. Das sind keine trivialen Unterschiede. Sie können erklären, warum zwei Personen scheinbar über dasselbe reden und dabei komplett aneinander vorbeikommen.

Was man nicht ablesen kann — und warum das wichtig ist

Ich komme zurück zu den Aussagen vom Anfang. Der Körper verrät die Lüge. Nervösität zeigt sich in der Gestik. Dominante Menschen gestikulieren mehr.

Die Forschungslage dazu ist eindeutig: Es gibt keine zuverlässigen gestischen Marker für Deception — für Lügen. Meta-Analysen über Jahrzehnte der Forschung zeigen, dass kein einzelnes Verhaltenssignal zuverlässig Täuschung anzeigt. Wer glaubt, an bestimmten Handbewegungen erkennen zu können, ob jemand die Unwahrheit sagt, irrt sich: systematisch, mit realen Konsequenzen für Bewerbungsgespräche, Gerichtsverhandlungen, Elterngespräche.

Gleiches gilt für die Vorstellung, mit gezielter Gestik andere Menschen unbewusst in bestimmte Richtungen zu drängen. Die Wirkungsforschung dazu ist weit schwächer, als populäre Darstellungen suggerieren. Gestik beeinflusst Kommunikation: das ist unbestritten. Aber sie tut es auf eine Art, die weit weniger mechanisch, weit weniger manipulierbar ist, als es Serien wie „Lie to me“ behaupten.

Das Faszinierende an Gestik liegt nicht in ihrer Eignung zur Kontrolle anderer. Es liegt darin, dass sie uns ein Fenster öffnet: ins Denken, in Vorstellungen, in das, was jemandem wirklich wichtig ist. Das ist, wenn man so will, respektvoller gegenüber dem Gegenüber. Und für Führungskräfte, Lehrende und Coaches erheblich nützlicher.

Gestik lesen heißt besser zuhören

Wie jemand sich ein Ereignis vorstellt und aus welcher Perspektive — Character oder Observer. Wie jemand abstrakte Konzepte im Raum verortet und was das über sein mentales Modell verrät.

Keines davon erfordert eine Ausbildung in Gestenforschung. Es erfordert Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, das, was Hände tun, genauso ernst zu nehmen wie das, was wir sagen.

Eine Übung für die nächste Woche: Achten Sie in einem Gespräch oder einer Besprechung einmal gezielt darauf, ob Ihr Gegenüber eher in der Szene ist oder von außen beschreibt. Sie werden überrascht sein, was Sie sehen.

Wenn Sie noch mehr über Gesten und Denken wissen möchten, lesen Sie hier weiter: Gesten und Kommunikation

Gestik ist lernbar — wenn man weiß, wonach man schaut. Wenn Sie neugierig sind, was das für Ihr Team, Ihren Unterricht oder Ihre Beratungsarbeit bedeuten könnte — ich freue mich über Ihre Nachricht.


Häufige Fragen

Kann man an Gestik erkennen, ob jemand lügt?

Nein. Die Gestenforschung zeigt eindeutig: Es gibt keine zuverlässigen gestischen Marker für Täuschung. Meta-Analysen über Jahrzehnte belegen, dass kein einzelnes Körpersignal verlässlich auf Lügen hinweist. Wer das behauptet, bringt keine Forschung mit.

Was ist der Unterschied zwischen Character Viewpoint und Observer Viewpoint?

Character-Viewpoint-Gesten zeigen eine Handlung aus der Perspektive einer handelnden Figur — der Körper führt aus, was die Figur tut. Observer-Viewpoint-Gesten beschreiben das Geschehen von außen, wie auf einer Karte oder in einem Schaubild. Beide transportieren Bedeutung — aber unterschiedliche.

Was sind metaphorische Gesten?

Metaphorische Gesten verräumlichen abstrakte Konzepte. Sie machen Ideen wie „Zeit“, „Spannung“ oder „gemeinsame Richtung“ körperlich sichtbar. Der Begriff stammt aus der Gestenforschung, geprägt durch David McNeill (1992).

Warum ist Gestik für Führungskräfte und Lehrende relevant?

Weil Gesten zeigen, wie jemand denkt: nicht ob jemand lügt. Für Führung und Unterricht bedeutet das: Man kann ablesen, aus welcher Perspektive jemand eine Situation erlebt, welche Konzepte mental klar sind, und welche Inhalte besonders wichtig sind. Das eröffnet Handlungsmöglichkeiten, die rein verbale Kommunikation nicht bietet.


Quellen

Brennen, T. & Magnussen, S. (2020). Research on Non-verbal Signs of Lies and Deceit: A Blind Alley. Frontiers in Psychology11, 613410. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2020.613410

Hinterwimmer S, Patil U and Ebert C (2021) On the Interaction of Gestural and Linguistic Perspective Taking. Front. Commun. 6:625757. doi: 10.3389/fcomm.2021.625757

McNeill, D. (1992). Hand and mind: What gestures reveal about thought. University of Chicago press.

Stites LJ, Özçalışkan Ş. (2017). Who Did What to Whom? Children Track Story Referents First in Gesture. J Psycholinguist Res. 2017 Aug;46(4):1019-1032. doi: 10.1007/s10936-017-9476-0. PMID: 28185052.

Autor

  • Dr. Jana Bressem – Gestiktrainerin und Gestenforscherin

    Jana Bressem ist Gestiktrainerin und Gestenforscherin. Nach über 20 Jahren in Forschung und Lehre — unter anderem zu interkultureller Kommunikation und Mensch-Maschine-Interaktion — gibt sie dieses Wissen in Trainings, Vorträgen und Beratungen weiter.

    Andere Trainings vermitteln Standardgesten. Jana Bressem zeigt, wie Gestik als Werkzeug gezielt einsetzt wird, abgestimmt auf die Worte. Ihr Ansatz: kein Antrainieren, sondern Freilegen, was bereits in Ihnen steckt.