Viele Lehrkräfte kennen das Problem: Trotz guter Vorbereitung kommen Lerninhalte nicht an. Der Grund liegt oft nicht in der fachlichen Kompetenz, sondern in fehlender Aufmerksamkeitssteuerung. Dieser Artikel zeigt, wie gezielte Gestik im Unterricht die Aufmerksamkeit lenkt, das Verständnis fördert und Wissen nachhaltig verankert.
Das Problem: Wenn Unterrichtsinhalte nicht ankommen
Eine neue Unterrichtseinheit steht an. Die Lehrkraft hat sich vorbereitet, die Inhalte sind durchdacht, die Materialien liegen bereit. Doch schon nach wenigen Minuten zeigt sich: Die Informationen kommen nicht an. Fragen werden mehrfach gestellt, Erklärungen müssen wiederholt werden, und spätestens in der nächsten Stunde wird deutlich: vieles ist nicht hängengeblieben.
Warum Lerninhalte scheitern: Die Aufmerksamkeitslücke
Doch woran liegt das? Oft ist es nicht die fachliche Kompetenz, die fehlt, sondern die Aufmerksamkeit. Wenn Lerninhalte nicht ankommen, liegt das häufig daran, dass die Aufmerksamkeit der Lernenden gar nicht dort ist, wo sie sein sollte.
Und genau hier kommt ein oft unterschätztes Werkzeug ins Spiel: Gestik im Unterricht.
Was ist Gestik und warum ist sie wichtig für den Unterricht?
Gesten sind weit mehr als bloße Begleiterscheinungen des Sprechens. Sie sind präzise Steuerungsinstrumente, die:
- Aufmerksamkeit gezielt lenken
- Verständnis nachhaltig fördern
- Lerninhalte im Gedächtnis verankern
Wissenschaftlicher Hintergrund: Studien aus der Kognitionswissenschaft und Gestenforschung belegen, dass Gestik einen entscheidenden Einfluss auf Lernprozesse hat.
3 wissenschaftlich fundierte Prinzipien: Wie Gestik im Unterricht wirkt
1. Zeigegesten als Wegweiser – Aufmerksamkeit gezielt aufbauen
Was sind Zeigegesten?
Eine ausgestreckte Hand, ein Finger, der auf die Tafel deutet: Zeigegesten sind eines der wirksamsten Werkzeuge, um Aufmerksamkeit zu steuern. Sie schaffen eine unmittelbare Verbindung zwischen dem, was gesagt wird, und dem, worauf es ankommt.
Das Prinzip der Joint Attention (geteilte Aufmerksamkeit)
Wenn eine Lehrkraft auf etwas zeigt, folgt der Blick der Lernenden nahezu automatisch. Dieser Mechanismus wird als Joint Attention (geteilte Aufmerksamkeit) bezeichnet: ein fundamentales Prinzip menschlicher Kommunikation. Zeigegesten schaffen eine gemeinsame Referenz zwischen Lehrkraft und Lernenden.
Praxisbeispiel: Mathematikunterricht
Situation: Eine Lehrkraft erklärt eine quadratische Funktion anhand eines Graphen an der Tafel.
Ohne Gestik: „Der Scheitelpunkt ist der tiefste Punkt der Parabel.“
Mit gezielter Zeigegeste: Die Lehrkraft zeigt präzise auf die Stelle, an der die Parabel ihren tiefsten Punkt erreicht, während sie den Scheitelpunkt erklärt.
Ergebnis: Die Lernenden schauen dorthin, der abstrakte Begriff bekommt einen konkreten Ort. Die Verbindung zwischen Begriff und visueller Darstellung wird hergestellt.
Wichtig: Zeigegesten richtig einsetzen
Effektiv: Die Zeigegeste verweist auf etwas Neues, das nicht bereits eindeutig in der Sprache enthalten ist.
Ineffektiv: Wer auf eine „2″ zeigt, während er „2″ sagt, schafft keine zusätzliche Orientierung.
Reflexionsfrage für Lehrkräfte
Wer merkt, dass Erklärungen ins Leere laufen, kann innehalten und sich fragen:
- Wo schauen die Lernenden gerade hin?
- Und wo sollten sie hinschauen?
Eine klare Zeigegeste schließt diese Lücke, denn sie schafft geteilte Aufmerksamkeit.
2. Ikonische Gesten als kognitive Entlastung – Verständnis erleichtern
Die kognitive Herausforderung im Unterricht
Komplexe Lerninhalte fordern das Arbeitsgedächtnis stark. Lernende müssen gleichzeitig:
- Informationen aufnehmen
- Informationen verarbeiten
- Mit Vorwissen verknüpfen
- Neue Inhalte behalten
Diese kognitive Last kann schnell überfordern. Hier helfen ikonische Gesten – Gesten, die Inhalte bildlich darstellen.
Wissenschaftliche Evidenz: Gesten reduzieren kognitive Belastung
Studien aus der Gestenforschung belegen: Gesten reduzieren die kognitive Belastung – sowohl für die sprechende als auch für die zuhörende Person.
Wenn eine Lehrkraft gestikuliert:
- Wird das Gesagte visuell unterstützt
- Werden Informationen leichter verarbeitbar
- Muss das Gehirn weniger Energie aufwenden, um die Information zu dekodieren
Praxisbeispiel: Naturwissenschaften
Situation: Eine Lehrkraft erklärt den Wasserkreislauf.
Mit ikonischen Gesten:
- Verdunstung: Aufsteigende Handbewegung
- Kondensation: Schwebende Handflächen für Wolkenbildung
- Niederschlag: Bewegte Finger für Regen
Ergebnis: Die Lernenden sehen das Prinzip, während sie es hören. Zwei Sinneskanäle (auditiv + visuell) verstärken das Verständnis.
Doppelter Nutzen für Lehrkräfte
Gestik hilft nicht nur den Lernenden, sondern auch der Lehrkraft selbst:
- Das Sprechen fällt leichter
- Die Gedanken werden klarer strukturiert
- Die Erklärung wird flüssiger
Fazit: Gestik ist kein zusätzlicher Aufwand, sondern ein Werkzeug, das Kommunikation auf beiden Seiten erleichtert.
3. Räumliche Gesten – Erinnerung nachhaltig verankern
Visuelle Spuren im Raum: Wie Gesten im Gedächtnis bleiben
Gesten verschwinden nicht einfach, wenn die Hand wieder sinkt. Sie hinterlassen mentale Anker im Raum.
Wenn eine Lehrkraft wiederholt an derselben Stelle im Raum gestikuliert, entsteht eine Verknüpfung: Der Ort wird mit dem Inhalt assoziiert. Lernende erinnern sich nicht nur an das Gesagte, sondern auch daran, wo es „stand“.
Das Prinzip der räumlichen Indexierung
Dieses Phänomen wird in der Gedächtnisforschung als räumliche Indexierung beschrieben. Unser Gedächtnis arbeitet nicht nur mit Wörtern und Bildern, sondern auch mit räumlichen Informationen.
Praxisbeispiel: Problemlösung im Unterricht
Situation: Eine Lehrkraft führt eine neue Unterrichtseinheit ein und unterscheidet zwischen zwei Konzepten.
Mit räumlicher Gestik:
- Das Problem: Geste nach links (z.B. offene Hand auf der linken Seite)
- Die Lösung: Geste nach rechts (z.B. geschlossene Faust auf der rechten Seite)
Im weiteren Verlauf: Die Lehrkraft zeigt immer wieder in dieselben Richtungen, wenn sie Problem oder Lösung thematisiert.
Ergebnis: Die Lernenden beginnen automatisch nach links oder rechts zu schauen, wenn sie an Problem oder Lösung denken. Die räumliche Verankerung unterstützt das Abrufen der Information.
Praktische Umsetzung: Einfach und wirkungsvoll
Die visuellen Spuren müssen nicht kompliziert sein. Es reicht, wenn bestimmte Inhalte mit bestimmten Raumpositionen verknüpft werden durch:
- Zeigegesten in bestimmte Richtungen
- Bewegung im Raum
- Wiederholte Handhaltungen an derselben Stelle
Zusammenfassung: Gestik als professionelles Werkzeug für Lehrkräfte
Die drei beschriebenen Prinzipien zeigen: Gesten sind wirksame Mittel zur Steuerung von Aufmerksamkeit.
Die drei Säulen effektiver Gestik im Unterricht:
- Zeigegesten → Aufmerksamkeit lenken durch Joint Attention
- Ikonische Gesten → Verständnis fördern durch kognitive Entlastung
- Räumliche Gesten → Erinnerung verankern durch räumliche Indexierung
Im Zusammenspiel mit Sprache entsteht eine gemeinsame Verständigungsebene, die Lerninhalte nicht nur transportiert, sondern auch nachhaltig verankert.
Gestik über den Unterricht hinaus: Universelle Anwendung
Was im Klassenzimmer funktioniert, gilt überall dort, wo Menschen Inhalte vermitteln:
- Teamsitzungen: Wichtige Entscheidungen treffen und vermitteln
- Coachings: Reflexionsprozesse begleiten
- Präsentationen: Komplexe Zusammenhänge verständlich machen
- Führungskommunikation: Teams effektiv leiten
Die Art, wie wir Gesten einsetzen, beeinflusst, ob unsere Botschaften ankommen oder verpuffen.
Fazit: Gestik ist eine professionalisierbare Fähigkeit
Gestik ist kein Zufall. Sie ist eine Fähigkeit, die entwickelt und professionalisiert werden kann.
Die Chance für Lehrkräfte:
Wer lernt, Aufmerksamkeit bewusst zu steuern, schafft Raum für:
- Verständnis: Inhalte werden klarer
- Erinnerung: Wissen bleibt länger präsent
- Wirkung: Unterricht wird nachhaltiger
Referenzen:
Alibali, M. W., Young, A. G., Crooks, N. M., Yeo, A., Wolfgram, M. S., Ledesma, I. M., Nathan, M. J., Church, R.B., & Knuth, E. J. (2013). Students learn more when their teacher has learned to gesture effectively. Gesture,13(2), 210–233. https://doi.org/10.1075/gest.13.2.05ali
Church, R.B., Perry, M., Singer, M.A., Cook, S.W. and Alibali, M.W. (2025), Teachers’ Gestures and How They Matter. Top. Cogn. Sci., 17: 545-568. https://doi.org/10.1111/tops.12755
Rueckert, L., Church, R. B., Avila, A., & Trejo, T. (2017). Gesture enhances learning of a complex statisticalconcept. Cognitive Research: Principles and Implications, 2(1), 2. https://doi.org/10.1186/s41235-016-0036-1
Gestik professionalisieren? Das geht. Mehr Infos zum Training
