Was wir von großen Rednerinnen über Gestik lernen können

Als Gestikforscherin, die zwei Jahrzehnte lang untersucht hat, wie Menschen mit ihrem Körper sprechen und denken, begegnet mir eine Frage immer wieder: Was macht Gestik eigentlich bei guten Rednerinnen aus und was können wir daraus lernen?

Wenn über gute Rednerinnen gesprochen wird, geht es meist um Stimme, Argumente oder Charisma. Gestik wird dabei entweder unterschätzt — als bloßes Beiwerk — oder auf einfache Regeln reduziert: offene Hände, nicht zu viel fuchteln, möglichst natürlich bleiben.

Wer guten Rednerinnen wirklich zusieht, merkt schnell: Gestik ist kein Zusatz. Sie ist Teil des Denkens, Teil der Beziehung zum Publikum und Teil der Struktur einer Rede. Und sie sieht nicht bei allen gleich aus, weil sie nicht gleich sein muss.

Das zeigt sich besonders deutlich an drei sehr unterschiedlichen deutschsprachigen Rednerinnen: Maja Göpel, Mithu Sanyal und Mai Thi Nguyen-Kim. Ich nutze sie hier nicht als Typen als hätte jede nur eine einzige Gestik-Qualität. Alle drei tun vieles von dem, was ich bei den anderen beschreibe. Aber an jeder lässt sich eine bestimmte Funktion besonders klar beobachten. Und genau diese Bandbreite ist der eigentliche Punkt.

Gestik als Struktur: Prof. Dr. Maja Göpel

Bei Maja Göpel fällt auf, dass ihre Gestik selten bloß illustriert. Sie bebildert keine Worte, sie ordnet Gedanken. Wenn sie spricht, gliedern ihre Hände Zusammenhänge, markieren Abwägungen und bringen Argumente in eine Form, der man folgen kann.

Das ist besonders relevant, weil ihre Themen oft komplex sind: gesellschaftlicher Wandel, Transformation, Zukunftsfragen. Gerade deshalb wird sichtbar, was Gestik leisten kann: sie nimmt Komplexität nicht weg, aber sie gibt ihr Form.

Wichtigste Erkenntnis: Gestik muss nicht emotional aufladen oder zuspitzen. Manche Gesten helfen dem Publikum schlicht dabei, beim Denken mitzukommen. Gute Gestik bedeutet nicht: möglichst eindrucksvoll auftreten. Sie bedeutet: Gedanken so führen, dass andere ihnen folgen können.

Gestik als sichtbare Denkbewegung: Mithu Sanyal

Bei Mithu Sanyal trägt Gestik das Denken selbst. Sie setzt ihre Hände nicht nur ein, um Gesagtes zu unterstreichen. Sie markiert Übergänge, macht Perspektivwechsel sichtbar und hält gedankliche Bewegung offen.

Das ist besonders bemerkenswert, weil starke Rednerinnen oft mit Geschlossenheit und Kontrolle verbunden werden. Bei Mithu Sanyal entsteht Wirkung auch durch etwas anderes: Man sieht, wie ein Gedanke sich entwickelt.

Für alle, die selbst vor Menschen sprechen — ob in Unterricht, Führungsgesprächen oder Beratungssituationen — ist das ein wichtiger Hinweis: Überzeugung entsteht nicht nur durch Eindeutigkeit. Manchmal entsteht sie dadurch, dass die Bewegung eines Gedankens nachvollziehbar wird.

Wichtigste Erkenntnis: Gestik zeigt nicht nur Haltung. Sie kann gedankliche Beweglichkeit sichtbar machen. Sie begleitet nicht nur das Ergebnis eines Gedankens, sondern dessen Entstehen.

Gestik als Aufmerksamkeitsführung: Dr. Mai Thi Nguyen-Kim

Bei Mai Thi Nguyen-Kim zeigt sich noch eine andere Qualität. Ihre Gestik unterstützt das Erklären: sie setzt Akzente, lenkt den Blick und macht sichtbar, wo ein Gedanke besonders wichtig wird. Für wissensbasierte Kontexte ist das entscheidend: Wer komplexe Inhalte vermittelt, muss nicht nur verständlich sprechen, sondern auch sichtbar führen.

Hier wird eine Funktion von Gestik deutlich, die im Alltag oft übersehen wird: Gesten helfen, Relevanz zu markieren. Sie zeigen, wo ein Übergang stattfindet, wo etwas zugespitzt wird und wo das Gegenüber gedanklich mitgehen soll.

Das gilt nicht nur für Wissenschaftskommunikation. Es gilt genauso für den Unterricht, für Seminare, für Präsentationen und für komplexe Beratungsgespräche.

Wichtigste Erkenntnis: Gute Gestik lenkt Aufmerksamkeit. Sie ist nicht nur Ausdruck — sie ist Didaktik. Der Körper erklärt mit.

Drei Rednerinnen, drei Funktionen — eine Erkenntnis

Was diese drei Beispiele so aufschlussreich macht, ist die Bandbreite, die sie sichtbar machen. Noch einmal zur Erinnerung: Keine dieser Rednerinnen macht nur eine Sache. Sie alle ordnen, bewegen und führen. Ich habe bei jeder eine Funktion herausgegriffen, an der sie sich besonders klar zeigt:

  • An Maja Göpel lässt sich besonders gut zeigen, wie Gestik Gedanken ordnet.
  • An Mithu Sanyal, wie sie gedankliche Beweglichkeit sichtbar macht.
  • An Mai Thi Nguyen-Kim, wie sie Aufmerksamkeit führt.

Keine dieser Funktionen ist per se die wichtigste. Und genau das ist vielleicht die entscheidende Einsicht: Gute Gestik lässt sich nicht auf einen Stil reduzieren. Sie ist keine Technik, die bei allen gleich aussehen müsste. Sie erfüllt eine Funktion im jeweiligen Kontext.

Wer spricht, muss nicht lernen, „schön“ zu gestikulieren. Die entscheidende Frage lautet: Was soll meine Gestik hier leisten?

Was das für die eigene Praxis bedeutet

Viele Menschen beobachten bei sich zuerst, ob sie zu viel oder zu wenig gestikulieren. Diese Frage ist verständlich, aber sie führt oft in die falsche Richtung. Entscheidend ist nicht die Menge der Gestik, sondern ihre Funktion und ihre Stimmigkeit.

Die produktivere Frage lautet deshalb nicht: Wie bewege ich meine Hände? Sondern: Was unterstützt meine Bewegung in diesem Moment?

Eine Geste ist dann hilfreich, wenn sie dem Gesagten Richtung gibt: wenn sie Gedanken gliedert, Zusammenhänge sichtbar macht, Relevanz markiert oder einen Punkt nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar werden lässt.

Wer von guten Rednerinnen lernen will, sollte deshalb nicht einzelne Bewegungen kopieren. Es geht nicht darum, sich eine äußere Form abzuschauen. Es geht darum zu verstehen, warum eine Geste in einem bestimmten Moment trägt.

Fazit: Gestik ist ein Werkzeug — kein Stilmittel

Von großen Rednerinnen lernen wir nicht, wie Gestik aussehen muss. Wir lernen, was sie leisten kann: ordnen, gedankliche Beweglichkeit zeigen, Aufmerksamkeit führen.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum gute Gestik oft nicht wie Technik wirkt. Sie wirkt nicht aufgesetzt, weil sie nicht neben dem Sprechen steht. Sie gehört dazu.

Und gute Gestik beginnt vielleicht nicht mit der Frage nach den Händenm sondern mit der Frage, was beim Sprechen überhaupt sichtbar werden soll.

Gestik bewusster einsetzen — in Unterricht, Präsentation und Gespräch

Gestik ist kein Talent. Sie ist eine Kompetenz. Und wie jede Kompetenz lässt sie sich entwickeln: mit dem richtigen Verständnis, gezielter Reflexion und konkreter Praxis.

Wenn Sie Gestik als Werkzeug für Ihre Arbeit nutzen möchten — ob in der Lehre, in Präsentationen, in Führungssituationen oder im Coaching — finden Sie auf dieser Website verschiedene Formate: wissenschaftlich fundiert, zwei Jahrzehnte Forschungserfahrung, konsequent praxisnah.

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