Was sind Gesten

Was sind Gesten und warum sie im Unterricht wichtig sind

“Aber Gesten kann man ja auch falsch machen, weil die bedeuten ja nicht überall das Gleiche.”

Das höre ich in meinen Trainings und Workshops oft. Und es zeigt mir immer wieder, dass die Vorstellungen über Gesten oft diffus sind und viele gar nicht so genau wissen, was damit gemeint ist. Das ist nicht überraschend, denn Gesten werden im Alltag selten differenziert betrachtet und der Begriff ganz unterschiedlich genutzt. Vom „Daumen nach oben“ bis hin zu „Blumen schenken“ fällt landläufig einiges unter den Begriff der Geste.

Weil diese Fragen in meinen Workshops mit Lehrkräften so häufig auftauchen, möchte ich in diesem Beitrag genauer erklären, was Gesten sind und was das ganz konkret für den Unterricht bedeutet.

Was versteht die Forschung denn nun unter Gesten?

Meine Doktormutter Cornelia Müller hat in ihrem Buch von 1998 Gesten wie folgt definiert:

Gesten sind „kommunikative Bewegungen der Hände und Arme, die – ähnlich wie Sprache – dazu verwendet werden, die Gedanken, Gefühle und Intentionen eines Sprechers zum Ausdruck zu bringen und die soziale Ordnung des Gesprächs aktiv herzustellen“. Auch wenn es viele verschiedene Definitionen von Gesten gibt, überzeugt mich diese noch immer am meisten. Ich finde, sie bringt den Kern von Gesten sehr gut auf den Punkt.

In vielen Ansätzen werden Gesten als Bewegungen der Hände und Arme gefasst. Das heißt also: Andere körperliche Ausdrucksformen zählen nicht dazu. Haltungen des Körpers, Körperorientierungen oder Mimik gehören zwar ebenfalls zu unseren kommunikativen Ressourcen, werden aber in der Regel nicht als Gesten bezeichnet. Für diese Gesamtheit an Ausdrucksformen wird häufig der Begriff „Körpersprache“ verwendet: ein Begriff, der allerdings selbst nicht ganz unproblematisch ist.

Wichtig ist außerdem, dass Gesten kommunikativ genutzt werden, also mit dem Ziel, Bedeutung zu übermitteln. Damit fallen Bewegungen heraus, die nicht primär kommunikativ eingesetzt werden.

Dazu zählen zum Beispiel Selbstberührungen, die häufig auch als Adaptoren bezeichnet werden. Diese sind in der Regel nicht intentional kommunikativ, also nicht mit der Absicht produziert, dem Gegenüber eine bestimmte Botschaft zu vermitteln. Sie werden zwar wahrgenommen und können interpretiert werden, sind aber nicht dafür gemacht, etwas mitzuteilen. Kratzen am Kopf, Kleidung zurechtzupfen oder über den Arm streichen. All diese Adaptoren zählen daher nicht zu Gesten im engeren Sinne.

Was sind Gesten nun? Zusammengefasst kann man sagen: Gesten sind typischerweise Bewegungen der Hände und Arme im Raum vor dem Körper, die kommunikativ eingesetzt werden.

Dabei lässt sich häufig beobachten, dass sich die Nutzung solcher Bewegungen je nach Rolle im Gespräch unterscheidet. Sprechende produzieren oft sichtbare, nach außen gerichtete Handbewegungen, während Zuhörende häufiger Bewegungen am eigenen Körper ausführen, etwa den Kopf abstützen oder sich ins Gesicht fassen. Diese Unterscheidung ist jedoch nicht strikt. Auch Zuhörende können kommunikative Gesten einsetzen.

Welche unterschiedlichen Arten von Gesten gibt es?

Gesten können – je nach Typ – auf unterschiedliche Weise Bedeutung tragen. In der Forschung wird hier häufig zwischen verschiedenen Gestentypen unterschieden (u. a. nach McNeill 1992):

Gesten können die Aufmerksamkeit der Zuhörenden auf etwas richten (deiktische Gesten, z. B. Zeigen), sie können konkrete Gegenstände, Ereignisse oder Handlungen bildhaft darstellen (ikonische Gesten), oder auch abstrakte Konzepte sichtbar machen (metaphorische Gesten). So kann ein wiederkehrender Prozess durch eine kreisende Handbewegung dargestellt werden, ein Argument „liegt“ auf der flachen Hand, und steigende Preise werden als aufwärts gerichtete Bewegung im Raum sichtbar gemacht.

Gerade ikonische und metaphorische Gesten sind im Unterricht besonders hilfreich, weil sie abstrakte Inhalte in sichtbare Formen übersetzen und Lernenden beim Verstehen helfen.

Darüber hinaus gibt es auch Gesten, die vor allem der Strukturierung des Sprechens dienen, sogenannte Beats, kleine rhythmische Bewegungen, die das Gesagte gliedern.

All diese Gesten treten nicht isoliert auf, sondern im Zusammenspiel mit gesprochener Sprache. Ihre Bedeutung entsteht im Kontext dieses multimodalen Zusammenspiels. Gesten sind also kein Zusatz zur Sprache, sondern ein integraler Bestandteil von Kommunikation.

In all diesen Beispielen zeigt sich etwas, das Gesten von anderen körperlichen Ausdrucksmitteln unterscheidet: Sie können – ähnlich wie sprachliche Zeichen – bestimmte kommunikative Funktionen übernehmen. Der Sprachwissenschaftler Karl Bühler beschreibt drei zentrale Funktionen von Zeichen: die Darstellungsfunktion (Aussagen über die Welt), die Appellfunktion (Einfluss auf andere) und die Ausdrucksfunktion (Hinweise auf innere Zustände).

Diese Funktionen können auch von Gesten erfüllt werden. Genau darin sieht Cornelia Müller das sprachliche Potenzial von Gesten.

Besonders deutlich wird dieses Potenzial, wenn Gesten nicht mehr gemeinsam mit Sprache auftreten, sondern das alleinige kommunikative Mittel darstellen. In solchen Fällen können sie sich zu voll ausgebildeten Sprachen entwickeln – wie bei den Gebärdensprachen gehörloser Menschen. Diese unterscheiden sich von Lautsprachen nicht in ihrer Komplexität, sondern lediglich in der Modalität: Sie nutzen visuell-räumliche statt auditiv-vokaler Mittel.

Damit wird auch klar: Gesten sind nicht dasselbe wie Gebärden. Gebärden sind konventionalisierte, sprachliche Einheiten innerhalb eines vollständigen Sprachsystems.

Das „Kendonsche Kontinuum“ – von der Geste zur Gebärde

Das sogenannte Kendonsche Kontinuum, das auf Arbeiten von Adam Kendon (1988) zurückgeht und von David McNeill (1992) aufgegriffen wurde, beschreibt genau dieses Verhältnis. Es ordnet verschiedene Formen von Handbewegungen entlang einer Skala an – je nachdem, wie stark sie an gesprochene Sprache gebunden sind und wie stark sie selbst sprachliche Eigenschaften aufweisen (z. B. Konventionalisierung oder semantische Stabilität).

Am einen Ende des Kontinuums stehen Gebärdensprachen mit vollständig ausgebildeter Grammatik. Weiter in Richtung Mitte finden sich Embleme – Gesten mit relativ stabiler Form-Bedeutungs-Zuordnung, deren Bedeutung sich oft in einem Wort oder einer kurzen Phrase ausdrücken lässt, wie etwa die Ring-Geste („ok“) oder eine Schwurgeste („ich schwöre“).

Am anderen Ende stehen redebegleitende Gesten – also genau jene kommunikativen Hand- und Armbewegungen, die eng mit dem Sprechen verzahnt sind und meist nicht ohne sprachlichen Kontext verstanden werden können.

grafik beitrag bressem kontinuum

Sind falsche Gesten wirklich ein Problem im Unterricht?

Damit sind wir wieder bei der eingangs formulierten Sorge: Kann man Gesten falsch machen?

Ja, das kann passieren, vor allem bei Emblemen. Diese „Gestenwörter“ können in unterschiedlichen Sprach- und Kulturräumen unterschiedliche Bedeutungen haben. Wer diese Konventionen nicht kennt, kann missverstanden werden.

Im Unterricht spielen solche Gesten jedoch meist eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger sind redebegleitende Gesten, also jene Gesten, mit denen wir Inhalte darstellen, strukturieren und veranschaulichen.

Gerade diese Gesten sind didaktisch besonders wertvoll: Sie helfen dabei, abstrakte Inhalte sichtbar zu machen, entlasten die sprachliche Erklärung und geben Einblick in Denkprozesse. Genau hier liegt ihr großes Potenzial für Lehr- und Lernprozesse.

Wie solche Gesten im Unterricht konkret helfen können, können Sie hier nachlesen.

Oder direkt mit Ihrem Kollegium ausprobieren. Ich biete Workshops und Trainings für Lehrende an Schulen, Hochschulen und Bildungsorganisationen an. Kontaktieren Sie mich gern.


Referenzen:

Bühler, Karl (1934): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Jena: Fischer.

Kendon, Adam (1988): How Gestures Can Become Like Words. In: Fernando Poyatos (Hg.): Cross-Cultural Perspectives in Nonverbal Communication. Toronto: C. J. Hogrefe, S. 131–141.

McNeill, David (1992): Hand and Mind. What Gestures Reveal about Thought. Chicago: The University of Chicago Press.

Müller, Cornelia (1998): Redebegleitende Gesten. Kulturgeschichte – Theorie – Sprachvergleich. Berlin: Arno Spitz.

Autor

  • Dr. Jana Bressem – Gestiktrainerin und Gestenforscherin

    Jana Bressem ist Gestiktrainerin und Gestenforscherin. Nach über 20 Jahren in Forschung und Lehre — unter anderem zu interkultureller Kommunikation und Mensch-Maschine-Interaktion — gibt sie dieses Wissen in Trainings, Vorträgen und Beratungen weiter.

    Andere Trainings vermitteln Standardgesten. Jana Bressem zeigt, wie Gestik als Werkzeug gezielt einsetzt wird, abgestimmt auf die Worte. Ihr Ansatz: kein Antrainieren, sondern Freilegen, was bereits in Ihnen steckt.

Nach oben scrollen